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Steven Lee Beeber
Die Heebie-Jeebies im CBGB´s. Die jüdischen Wurzeln des Punk
aus dem Englischen von Doris Akrap
Ventil Verlag 2008
304 Seiten
17,90 €
Während die Sex Pistols 1977 in London den Slogan „No Future“ für eine neue Bewegung prägten, veröffentlichte Richard Hell & the Voidoids auf der anderen Seite des großen Teiches in New York das Album „Blank Generation“. Punk war in England in den Charts angekommen und in den USA nicht länger ein unbeschriebenes Blatt. Doch wem kommt nun eigentlich der Verdienst zu, die Punk-Subkultur aus der Taufe gehoben zu haben? Die Taufe zumindest kann an dieser Stelle getrost gestrichen werden, denn auf diese Frage wirft der jüdisch-amerikanische Autor Steven Lee Beeber in seinem Buch „Die Heebie-Jeebies im CBGB´s. Die jüdischen Wurzeln des Punk“ einen völlig neuen Blick und postuliert: Punk ist jüdisch!
Den Zusammenhang zwischen Punk und Judentum erklärt Beeber nicht allein damit, dass große Teile der Musiker_innen sowie der New Yorker Szene jüdisch waren, unter ihnen etwa Lou Reed von The Velvet Underground, Joey und Tommy Ramone, die Musiker von The Dictators, Sex Pistols-Manager Malcom McLarren, The Modern Lovers-Frontmann Jonathan Richman, Sänger Richard „Hell“ Meyers und Produzentin und Sängerin Genya Ravan. Vielmehr reflektiere Punk „die gesamte jüdische Geschichte von Unterdrückung und Unsicherheit, Flucht und Wanderschaft, Dazugehören und Nicht-Dazugehören, immer zerrissen zu sein, gleichzeitig drinnen und draußen, gut und schlecht, Teil und nicht Teil zu sein.“ Diese nervöse Energie, die umgangssprachlich als Heebie-Jeebies bezeichnet wird und im jiddischen Shpilkes heißt, ist, so Beeber, die Triebkraft der ersten Generation amerikanischer Juden, die nach dem Holocaust erwachsen wurde. Gemeinsam mit nichtjüdischen Freund_innen schufen sie eine neue Bewegung, deren Dreh- und Angelpunkt ein kleiner, von einem Juden geführter Club war – das CBGB – und die die Leere der Blank Generation mit neuen Inhalten füllte.
Schauplatz des Geschichte ist New York, eine Einwandererstadt, in der Juden einen großen Teil der Bevölkerung stellen. Beeber holt in 16 Kapitel weit aus: Angefangen im New York der Nachkriegszeit beschreibt er die ironische und gesellschaftskritische Kulturszene, die von jüdischen Künstler_innen geprägt wurde und in der Komiker wie Lenny Bruce oder Sänger Lou Reed zu Vorbildern für die Protagonist_innen des Punk wurden. Die Kapitel porträtieren zunächst Einzelpersonen wie den Ramones-Manager Danny Field und gehen dann – weitgehend chronologisch – über zu Bandbeschreibungen wie der von The Dictators oder Ramones. Beeber legt dabei großes Gewicht auf die Sozialisation der Punk-Pionier_innen, um die jüdischen Wurzeln darzustellen. Gleichwohl stößt die postulierte Bedeutung der Jewishness dabei auch an ihre Grenzen. Insbesondere Richard Hell reagierte ablehnend auf die Interviewanfrage Beebers und wollte sich nicht über seine jüdische Herkunft definiert wissen oder für eine Kultur in Beschlag genommen werden. Auch an anderen Stellen erscheint Beebers Bezugnahme auf das Judentum, angereichert mit Verweisen auf mythische Gestalten im Alten Testament, etwas überhöht.
Auf der anderen Seite erweist sich der Zugang über die Frage nach jüdischer Identität in Bezug auf die Verwendung von Nazi-Insignien als sehr erhellend. Im Kapitel über Nazi-Symbole und die Endlösung der Endlösung beschreibt Beeber, weshalb Bands wie The Dictators Songs wie „Master Race Rock“ singen konnten, sich Lou Reed Eiserne Kreuze in die Haare rasieren oder die Ramones Naziovotionalien in ihre Bühnenshow einbinden konnten. Damit brachen sie nicht nur Tabus und schockten das Publikum, sondern nahmen den Symbolen der Unterdrückung durch Aneignung die bedrückende Ernsthaftigkeit.
Insgesamt gelingt es Beeber, einen tiefen Einblick in die Stadt des frühen Punk zu geben und beschreibt detailreich auf der Grundlage von über 125 Interviews die Entwicklung einer ganzen Subkultur, indem er nicht nur Musiker_innen sondern auch Kritiker_innen, Fanszine-Herausgeber_innen, Comiczeichner und Produzent_innen zu Wort kommen lässt sowie interessante Schwerpunkte setzt wie etwa auf Jüdisch-amerikanische Frauen und die Geburt des Female Punk. Für weniger bewanderte Szenekenner_innen führt das bisweilen zu erschlagendem Namedroping, so dass mensch den einen oder anderen Absatz auch mal getrost überfliegen darf.
Die deutsche Ausgabe kommt im Land der Täter indes nicht ohne eigenes Vor-und Nachwort aus. Insbesondere das Vorwort von Peter Waldmann, Literaturwissenschaftler und Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde in Rheinland Pfalz, ist zu empfehlen. Zwar erschließt sich dieser sehr theoretische Text erst nach wiederholter Lektüre, liefert dann aber kritisch und aufschlussreich Anhaltspunkte dafür, wieso der Punk Teil einer vergessenen jüdischen Tradition ist.
Und nicht zuletzt wird wohl das Kapitel darüber Wie England den jüdischen Punk stahl weiter für Sprengstoff sorgen, wenn es darum geht, wer den Punk nun eigentlich erfunden hat.
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